Bis zum Final-Wochenende in Jarama war der Schweizer Geschäftsmann und Motorsportler Markus Bösiger entschlossen, im nächsten Jahr mit einem eigenen Team in der FIA European Truck Racing Championship anzutreten.
Doch am Mittwochabend, nachdem er das Final-Wochenende im spanischen Jarama mit all seinen Ungereimtheiten gerade ihn selbst betreffend noch einmal hatte Revue passieren lassen, hat Bösiger sich entschieden, die Ideen vom eigenen Team nicht zu verwirklichen. Der Schweizer hat in der Vergangenheit ja schon jahrelang – sowohl bei den SuperRaceTrucks als auch bei den RaceTrucks – die Doppelfunktion als Teameigner und Fahrer ausgeübt, bevor er 2007 zum tschechischen Buggyra-Team kam. Nun gab es die Möglichkeit das komplette Truckracing-Equipment des österreichischen Exeuropameisters Egon Allgäuer zu kaufen. Dabei handelt es sich aber nicht nur um die MAN-RaceTrucks und die Auflieger, dazu gehört auch noch ein großer Komplex im österreichischen Weiler, der erst im letzten Jahr fertig gestellt worden war.
„Ich habe mir die Halle, die ganze Liegenschaft angesehen, das hat mir alles sehr gut gefallen. Wir haben uns auch schnell auf einen fairen Preis geeinigt, der beiden Partnern gerecht wurde.“ sagte der Schweizer nun. „Für mich wäre es auch höchst interessant gewesen, in Österreich ein zweites Standbein aufzubauen, die Liegenschaft von Egon wäre der ideale Anfang gewesen.“ Die Finanzierung sei geregelt gewesen.
Bösiger, der seit Beginn seiner Truckracingkarriere vor 10 Jahren ja immer nur MAN gefahren war, hatte in 2007 mit seinem eigenen Team auch mit dem Münchener Nutzfahrzeughersteller weiter machen wollen. „Doch dann wollten man mir bei MAN keinen der neuen Common-Rail-Rennmotor geben, weil ich zu alt sei und auch nicht mehr schnell genug, das hat man mir damals gesagt.“
Stattdessen ging der „alte Schweizer“ dann zu Buggyra und wurde Europameister. Mittlerweile ist all dies Schnee von gestern, nicht aber die Fehde, die scheinbar zwischen der FIA-Truckracingkommission und dem Schweizer besteht, und die letztendlich für Bösiger den Ausschlag gab, sich nicht mit einem neuen Team im Truckracing zu engagieren. So wird Bösiger auch nicht müde, allein aus diesem Jahr wieder diverse ihn betreffende Entscheidungen aufzuführen, die er einfach nicht nachvollziehen kann.
So zum Beispiel die Durchfahrstrafe von Misano, wodurch der klar in Führung liegende Buggyra-Pilot weit zurückgeworfen worden war. Begründet wurde das damals, dass der Schweizer in der Startphase Jochen Hahn behindert habe. Hahn selbst gab aber später zu Protokoll, er habe von einer Behinderung nichts bemerkt, und auch auf den TV-Bildern war nicht zu erkennen, was man da gemeint haben könnte.
In Le Mans wurde wieder eine Durchfahrtsstrafe gegen Bösiger ausgesprochen, weil er Alexander Lvov gerammt haben sollte. Aufgrund der durchgängigen eigenen Videoaufzeichnungen konnte Buggyra anschließend belegen, dass Bösiger und Lvov sich aber nie zu nahe gekommen waren. Nach einem entsprechenden Schreiben seitens Buggyra an die FIA wurde nur auf ein Photo auf einer Website verwiesen. Auf diesem Bild sind dann allerdings nur Bösiger und der Ungar Balazs Szobi im Zweikampf zu sehen. Grundsätzlich sind eventuell zu Unrecht verordnete Durchfahrtsstrafen eh nicht mehr zu korrigieren, es handelt sich um Tatsachenentscheidungen, wie ein Elfmeter beim Fußball.
Und in Jarama fühlten sich Buggyra und Bösiger nun ganz massiv benachteiligt.
„Wie kann man ein Teammitglied eines Fahrers, der noch mit um die Meisterschaft kämpft, den PaceTruck fahren lassen,“ so Bösiger auch noch Tage nach den Vorfällen höchst erbost. Der Schweizer hatte die Pole, Teamkollege David Vrsecky, erster Meisterschaftsanwärter, lag neben ihm. „Wir konnten die Startampel überhaupt nicht sehen, so wie der vor uns herfuhr. Und als der PaceTruck nicht einscherte, haben wir gedacht, es gibt eine zweite Einführungsrunde. Und plötzlich machte der einen 90-Grad-Schlenker, bog im letzten Moment in die Boxengasse ein, und dann ging es los. Das war im Briefing noch ganz anders besprochen worden, wir waren in dem Moment auch gar nicht darauf vorbereitet.
Und dann waren da noch auf unserer Funkfrequenz fremde „Go-Go-Go“-Befehle, bevor die Ampel überhaupt grün zeigte. Als Antonio eingangs der ersten Kurve am Heck meines Trucks hing, habe ich erst gedacht, die Trucks hätten sich verhakt, und ich würde jetzt zwangsläufig immer weiter nach außen geschoben, vielleicht sogar noch gegen Davids Truck. Und etwas später dann vor der Linkskurve ist Antonio wieder mit voller Wucht gegen mich gefahren und hat mich in den Kies gedrängt. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass er auch rausgeflogen war. Als er dann bei mir die Tür aufriss und mir drohte, war ich ganz überrascht, dass der auch da war. Ein Marshall hat Antonio dann zurückgehalten. Ich habe mir noch überlegt, was werden die jetzt wohl mit ihm machen. Erst ist er quer durchs Kiesbett von seinem Truck zu meinem Truck gelaufen, statt wie es die Vorschrift besagt, sofort hinter die Leitplanke zu gehen. Und dann hat er mir ja auch noch gedroht. Und was kommt dann, dann werde ich als derjenige, der von Antonio abgeschossen worden ist, disqualifiziert – aber da ja noch nur für ein Rennen. Auf unseren Protest haben die ja erst in letzter Sekunde reagiert, sodass ich gar nicht mehr in die Startaufstellung kommen konnte. Eigentlich hätte ich aus der Boxengasse starten müssen. Doch als es dann zur zweiten Einführungsrunde kam, haben die Leute dort an der Ampel die beiden anderen und mich rausgewunken.
Und dann kam ja der Höhepunkt, als wir die 20.000 Euro Protestgebühr nicht bezahlen wollten. Solch eine Summe gibt es normalerweise gar nicht. Dann haben sie mich einfach fürs komplette Wochenende gesperrt.
Und nun habe ich mir überlegt, dass solange diese Leute weiter das Sagen haben, solange ist es sinnlos mit einem eigenen Team anzutreten. Wir hätten ja nie eine Chance.
In Most ist Jochen Hahn bestraft worden, weil er später bremste als Egon Allgäuer und ihm dann hinten drauf gefahren ist. In Jarama hat Albacete zu spät gebremst, bei dem Abflug viel zu spät, und dann werde ich bestraft, weil er auf mich draufgefahren ist, und Albacete kommt ungeschoren davon.
Und was wird eigentlich aus der Sache mit dem Overspeed von Albacete in Le Mans? Lassen die Verantwortlichen bei der FIA dies weiter völlig unter den Tisch fallen. Es kann doch nicht sein, dass ein Einzelner, gerade so wie es im passt, entscheidet, wer wegen Overspeed betraft und wer nicht. Was ich von denen da in der Truckracingkommission halte, habe ich ja schon klar bei der FIA-Preisvergabe vor 2 Jahren gesagt, und seitdem hat sich nichts geändert.“
Auf die Frage, ob Truckracing ihn denn überhaupt noch reize, schließt Bösiger ab:„Vielleicht werde ich im nächsten Jahr ja wieder mit einem Buggyra starten, aber das ist noch nicht entschieden.“ Es ist dem Schweizer anzumerken, dass ihn diese Entscheidungen –insbesondere die von Jarama – schwer getroffen haben. „ Aber ich bin nicht jemand, der so einfach das Handtuch wirft und vor denen da kapituliert.“
Beim Finale auf dem Circuit Bugatti in Le Mans holte sich Bösiger seinen zweiten Saisonsieg.
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